Offener Unterricht
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Befunde zum OU


Lernschwache Schüler

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  • Offener Unterricht und lernschwache Kinder

    Empirische Studien zum Lernerfolg in offenen
    und geschlossenen Lernsituationen.


    Es ist ein Vorurteil, dass lernschwache Kinder mit dem Offenen Unterricht nicht zurecht kommen. So wird z.B. argumentiert: Offener Unterricht verlange Selbständigkeit. Arbeit müsse geplant werden, es müssten Wahlen getroffen werden, Lösungswege entwickelt werden und es würde Kooperation mit Mitschülern verlangt. Gerade über diese Kompetenzen verfügten viele lernbeeinträchtigte Schülerinnen und Schüler aber nicht. Sie hätten häufig vor allem ihre Probleme in diesen Bereichen und diese trügen dann wesentlich zu ihrem Scheitern in der allgemeinen Schule bei. An anderer Stelle wird behauptet, daß 'die Gefahr besteht, dass die Überbetonung offener Formen zu einer Vernachlässung gesicherten materialen Wissens führt. Das gilt vor allem für lernschwächere Schüler, bei denen falsch dosierte Offenheit Unsicherheit und Angst erzeugt.'

    Es ist aber vielleicht genau anders herum: Weil die Schule überwiegend den Bedürfnissen und Eigenheiten individuellen Lernens nicht Rechnung trägt, ist sie - freilich ungewollt - selbst Ursache der Lernbeeinträchtigungen. Eben weil Schüler

    • nicht das lernen können, was sie interessiert sondern das was im Plan vorgesehen ist, wird die vorhandene eigene Motivation für eine Sache ignoriert und durch eine Fremd-Motivation ersetzt. Sie erledigen ihre Aufgaben ab, weil es ja doch keine Alternative gibt.
    • nicht in ihrem eigenen Lerntempo lernen können, sondern immer Leistungsvorgaben haben, geraten Kinder immer mehr unter Lern-Stress, der wieder Ursache für schlechtere Lernerfolge ist und verweigern die Mitarbeit
    • nicht ihre eigenen Lernwege ausprobieren können, sondern immer unter dem Aspekt der Effektivität vorgegebenen Lernwegen folgen müssen, verlieren sie ihr Selbstvertrauen und werden unsicher
    • durch einen Wechsel von Offenheit und Geschlossenheit, also durch unterschiedliche bzw. wechselnde Dosierung, nicht mehr wissen, wann was von ihnen erwartet wird.

    So gibt es zunehmend Untersuchungen, die belegen, dass lernschwache Schüler durch die Art und Weise, wie Schule überhaupt organisiert ist, wie Unterricht stattfindet, genau diese lernschwachen Schüler benachteiligt. Schule steht hier auch für weitgehend geschlossene Unterrichtkonzepte. Gmolla/Radtke (Institutionelle Diskriminierung - Die Herstellung ethnischer Differenz in der Schule, Opladen 2002) belegen, dass Schule als Institution in Bezug auf Migranten deren schlechte Aufstellung in Sachen Bildung tatsächlich verschlechtert und nicht verbessert. Ihr Urteil: Schule diskriminiert Migranten systematisch. Dieser Befund kann auch auf allgemein sozial-schwache Schüler ausgedehnt werden.

    Laus/Schöll (Laus, M., Schöll, G.: Aufmerksamkeitsverhalten von Schülern in offenen und geschlossenen Unterrichskontexten, Berichte und Arbeiten aus dem Institut für Grundlagenforschung Nr. 78/1995, Erlangen-Nürnberg) stellen empirisch fest, dass 'leistungsschwache Schüler ... in Phasen lehrerinitiierter Arbeit weit unaufmerksamer als in Phasen freier Aktivitäten' sind. Leistungsschwache Schüler brauchten nur länger, um bei Beginn einer Arbeitsphase oder nach einer solchen sich wieder für eine neue Beschäftigung mit Materialien zu entscheiden. (S. 11ff)

    Die Frage der zeitlichen Aufmerksamkeitsspanne beim Lernen wird bei den herkömmlichen Untersuchungen gerne vernachlässigt. So wird die Zeit, die ein Schüler unaufmerksam ins Buch schaut trotzdem der genutzten Lernzeit zugerechnet und somit nur die aufgabenbezogene Lernzeit mit dem Lernerfolg in Zusammenhang gebracht. (Vgl. Lipowsky, F.: Lernzeit und Konzentration, Grundschulkinder in offenen Lernsituationen, in: Die Deutsche Schule, Heft92/1999, Weinheim, S. 232-245).

    Aber: 'Hatten sich die konzentrationsschwachen Kinder jedoch einmal für eine Aufgabenstellung entschieden, so arbeiteten sie ähnlich sach- und aufgabenbezogen wie die konzentrationsstärkeren Schülerinnen und Schüler.' (Ebenda, 241)

    In der lehrerzentrierten Arbeitszeit kommen die konzentrationschwachen Kinder gar nicht dazu, sich auf irgendetwas zu konzentrieren, weil der Lehrer ständig das Arbeitstempo festlegt. Allein das Zuhören, das Verfolgen der Äußerungen des Lehrers, das immer zur Tafel gucken (Peschel, S. 816) erfordern offensichtlich zu viel Aufmerksamkeit und das Kind ist überfordert, kann nicht mehr folgen. Erst wenn es sich selbst überlassen wird, kann es in seinem eigenen Lernrhythmus arbeiten, ohne zusätziche Anforderungen erfüllen zu müssen und kann sich genau dann etwas neuem zuwenden, wenn es innerlich bereit dazu ist.

    Dazu kommt noch das Argument Peschels, dass die Verzögerung auch daher rühren könnte, dass das Kind ja nicht aus eigenem Antrieb lernt. Es muss, wenn es sich einer neuen vorgegebenen Aufgabe zuwendet, auch noch den inneren Schweinehund überwinden - ein Effekt, der in der Grundschule zwar noch wenig erheblich ist, sich aber später, z.B. in der Pubertät deutlich auswirken kann.

    Diese eigene Lernzeit wird aber in der Schule permanent missachtet. Hier wird Wert auf Lehre legt, Unterricht ist nach der Formel: Leistung = Arbeit/Zeit organisiert. Lernen wird als Lehr-Lernprozess beschrieben. Es wird daher streng darauf geachtet, dass die Kinder Lehrzeiten effektiv nutzen und nicht stören.

    Kinder lernen deswegen auch, wie man wirkungsvoll den Ablauf dieser Maschinerie Unterricht unterbricht oder aufhält.

    Fallstudien über schwächere Schüler

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