Offener Unterricht
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Falko Peschel

Falko Peschel

Einstieg in den offenen Unterricht: Reisetagebücherunterricht


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Reisetagebücher

Der in der Schweiz von Urs Ruf und Peter Gallin entwickelte Reisetagebücherunterricht ist insofern eine besondere Form offenen Unterrichts, als dass er vom Beobachter auf den ersten Blick leicht mit ganz traditionellem Unterricht verwechselt werden könnte. Hier findet keine Freie Arbeit, kein Wochenplan-, Projekt- oder Werkstattunterricht statt, hier gibt es keine mit Arbeitsmitteln überfüllten Regale, sondern nur einen Lehrer, der den Kindern zu Stunden-, Tages- oder Wochenanfang ganz frontal einen oder mehrere Arbeitsaufträge stellt. Und daran arbeiten die Kinder dann.

Das, was die Offenheit dieses Unterrichts ausmacht, ist gleichzeitig das, was zu seiner hohen Qualität führt. Im Gegensatz zu den anderen offenen Unterrichtsformen, bei denen vornehmlich auf vorhandene Lehrgänge und Arbeitsmaterialien zurückgegriffen wird, erfolgt im Reisetagebücherunterricht eine methodische Öffnung. Der Arbeitsauftrag des Lehrers ist nicht der herkömmliche Lern- bzw. Übungsauftrag, sondern Impuls für eigene Auseinandersetzung, eigenes Forschen. Ruf und Gallin sprechen deshalb von der Bereitstellung von "Kernideen": Fragen, welche die Aufmerksamkeit des Schülers auf ein bestimmtes Sachgebiet, auf bestimmte Zusammenhänge und Strukturen lenken. Und diese soll der Schüler nun selbst, ohne Vorgabe einer Anleitung oder eines Lernweges erkunden.

Auf seinem Weg begleitet ihn dabei sein "Reisetagebuch", in das er nicht nur die Frage oder das Problem und seine Lösung einträgt, sondern jeden Schritt, jeden Gedanken auf dem eigenen Weg festhält. Zunächst handelt es sich dabei um eine "singuläre" Betrachtung der Welt, das heißt das Verschriften der eigenen Sichtweise: "Ich mache das so!" Aber auf seiner Reise begegnet der Schüler anderen Menschen: dem Tischnachbarn, anderen Klassenkameraden, den Eltern, dem Lehrer. Er kommt in die "divergierende" Phase des Gesprächs, tauscht gegenseitig Meinungen und Zugangsweisen aus, fragt nach anderen Sichtweisen: "Wie machst du es?" Durch diesen Austausch ergibt sich dann die dritte Phase, der Schritt zum "Regulären". Die Erkundung und Reflexion des eigenen Zugangs erfährt in Verbindung mit dem Austausch mit anderen eine neue Qualität. Der Schritt zur allgemeingültigen Lösung, zur Vereinbarung, zur Regel, zum Algorithmus, zur Norm, wird für den Schüler wichtig und nachvollziehbar. Er gelangt über das Gespräch in der Gruppe oder mit dem Lehrer von der Subjektivität zur Intersubjektivität bzw. Objektivität.

Dieses Zulassen des eigenen Weges zur gemeinsamen Vereinbarung ist das qualitätssichernde Element jeden offenen Unterrichts, weshalb der Reisetagebücherunterricht trotz der starken Lehrerlenkung im Bezug auf die Auswahl und Bereitstellung der Themen bzw. Kernideen als "offener Unterricht" bezeichnet werden muss. Durch seine Möglichkeit zur "Lehrerlenkung" stellt er dabei zugleich einen guten Einstieg in die Öffnung des eigenen Unterrichts dar, denn Öffnung ist nicht der Ersatz des Lehrerlehrganges durch den Materiallehrgang, sondern der Ersatz jeden Lehrganges durch den eigenen Lernweg des Kindes. Ein solcher von den Eigenproduktionen der Kinder getragener Unterricht ist Herausforderung, Förderung und Prophylaxe zugleich, da er statt differenzierender Maßnahmen "von oben" die Individualisierung "von unten", das heißt durch das Kind selbst, ermöglicht.

Urs Ruf und Peter Gallin haben mittlerweile mehrere Bücher über ihre "Didaktik der Kernideen" veröffentlicht (erhältlich bei Kallmeyer in Seelze). Dabei handelt es sich um Grundlagenbände mit vielen Beispielen sowie Praxiserfahrungen von Lehrern, die nach dem Konzept arbeiten. Des Weiteren haben sie mit "Ich - du - wir" (erhältlich über die Cornelsen Verlagsauslieferung) eine Schulbuchreihe veröffentlicht, die durch vielzählige Ideen und Impulse einen Einblick in das Generieren von "Kernideen" liefert.

Literatur:

Gallin, P., Ruf, U.: Aufbau von Sprach- und Fachkompetenz beim Lernen mit Kernideen und Reisetagebüchern. In: Schweizer Schule. 78 (1991) 18-29.

Gallin, Peter/ Ruf, Urs: Sprache und Mathematik. Zürich (LCH) 1990 und Seelze (Kallmeyer) 1998

Gallin, Peter/ Ruf, Urs: Ich - du - wir. Sprache und Mathematik 4.-5. und 5. - 6. Schuljahr. Zürich (ILZ) 1999

Peschel, Falko: Offener Unterricht - Idee, Realität, Perspektive und ein praxiserprobtes Konzept zur Diskussion. Teil I: Allgemeindidaktische Überlegungen. Teil II: Fachdidaktische Überlegungen. Baltmannsweiler (Schneider Verlag Hohengehren) 2002

Ruf, Urs/ Gallin, Peter: Ich - du - wir. Sprache und Mathematik 1.-3. Schuljahr. Zürich (ILZ) 1995

Ruf, Urs/ Gallin, Peter: Dialogisches Lernen in Sprache und Mathematik. Band 1: Austausch zwischen Ungleichen. Grundzüge einer interaktiven und fächerübergreifenden Didaktik. Seelze-Velber (Kallmeyer) 1998

Ruf, Urs/ Gallin, Peter: Dialogisches Lernen in Sprache und Mathematik. Band 2: Spuren legen - Spuren lesen. Unterricht mit Kernideen und Reisetagebüchern. Seelze-Velber (Kallmeyer) 1998

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